Meine Eindrücke von den DEKRA-Claims-Regionaltagungen 2026 bei Sprint – und warum ich überzeugt bin, dass künstliche Intelligenz unsere Arbeit grundlegend verändern wird.
Von Stefan Lange | ILS Bau Consulting | Oktober 2026
Es gibt Veranstaltungen, von denen man mit neuen Informationen zurückkehrt. Und es gibt Veranstaltungen, von denen man mit neuen Gedanken, persönlichen Eindrücken und der Gewissheit zurückkommt, dass sich in einer Branche gerade etwas Entscheidendes bewegt.
Die Regionaltagungen der DEKRA Claims im Oktober 2026 gehören für mich zur zweiten Kategorie.
In Hannover und Mannheim durfte ich bei Sprint Sanierung über ein Thema sprechen, das mich seit Jahren beschäftigt: Künstliche Intelligenz in der Schadenregulierung.
Doch neben der Technik waren es vor allem die Menschen, die diese Tage besonders gemacht haben.
Von der Zukunftsfrage zur praktischen Anwendung
Bereits 2025 hatte ich bei den DEKRA-Claims-Regionaltagungen darüber gesprochen, wie künstliche Intelligenz die Schadenregulierung verändern wird.
Ein Jahr später hat sich die Perspektive spürbar verschoben.
In meinen diesjährigen Vorträgen unter dem Titel „KI im Arbeitsalltag – Praxiswissen für Sachverständige und Schadensregulierer“ ging es weniger um Zukunftsvisionen als um konkrete Anwendungen.
Wie können Schadenregulierer KI sinnvoll in ihre tägliche Arbeit integrieren? Welche Tätigkeiten lassen sich vorbereiten oder vereinfachen? Wo entstehen neue Möglichkeiten – und wo müssen wir besonders sorgfältig bleiben?
Mein persönlicher Eindruck aus den Gesprächen war bemerkenswert:
Die Teilnehmer beschäftigten sich zunehmend nicht mehr mit der Frage, ob KI überhaupt sinnvoll ist, sondern damit, wie sie diese Werkzeuge besser einsetzen können.
Es gab konkrete Fragen, praktische Erfahrungen und einen erkennbaren Wunsch, Arbeitsabläufe weiterzuentwickeln.
Für mich ist das ein wichtiges Signal.
Denn der eigentliche Fortschritt beginnt nicht mit einer neuen Software. Er beginnt, wenn Menschen erkennen, welchen Nutzen sie daraus für ihre tägliche Arbeit ziehen können.
KI als Unterstützung – nicht als Ersatz für Fachverstand
Wer heute einen Schadenfall bearbeitet, weiß, wie viel Zeit nicht unmittelbar in die technische Beurteilung fließt.
Unterlagen müssen gesichtet, Informationen geordnet, E-Mails beantwortet, Berichte vorbereitet und Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert werden.
Hier sehe ich bereits heute erhebliche Einsatzmöglichkeiten für KI.
Beispielsweise bei der Strukturierung umfangreicher Schadenakten, der Vorbereitung von Schriftverkehr, dem Zusammenfassen vorhandener Informationen oder der Erstellung erster Berichtsentwürfe.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die KI einen Schaden selbstständig fachlich richtig bewertet.
Ein sprachlich überzeugender Bericht ist noch lange kein belastbares Gutachten.
Ob ein Schadenbild plausibel ist, welche Untersuchungen erforderlich sind, welche Ursachen tatsächlich nachgewiesen wurden und wo die Grenzen einer Bewertung liegen, bleibt eine fachliche Aufgabe.
KI kann Informationen verarbeiten und Arbeitsabläufe unterstützen. Fachliche Verantwortung lässt sich dadurch nicht einfach abgeben.
Gerade im Sachverständigenwesen ist diese Unterscheidung entscheidend.
Was mich bei den Regionaltagungen besonders beeindruckt hat
Bei aller Begeisterung für neue Technologien sind mir von diesen Tagen vor allem menschliche Begegnungen in Erinnerung geblieben.
Die Gespräche mit den Regulierern, die Offenheit für neue Ideen und nicht zuletzt der Humor zwischen den Vorträgen haben mir erneut gezeigt, wie wichtig der persönliche Austausch ist.
Wir haben fachlich diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsam gelacht.
Besonders positiv ist mir auch der neue Geschäftsführer der DEKRA Claims, Helge Wiegand, in Erinnerung geblieben.
Mich hat beeindruckt, wie er Verantwortung und Wertschätzung gegenüber Mitarbeitenden sichtbar miteinander verbunden hat.
Auch sein respektvoller Umgang mit dem Andenken an die verstorbene Barbara Ritter hat mich persönlich berührt.
Solche Beobachtungen mögen auf den ersten Blick wenig mit künstlicher Intelligenz zu tun haben.
Für mich besteht jedoch ein unmittelbarer Zusammenhang.
Je stärker wir Prozesse digitalisieren, desto wichtiger werden menschliche Eigenschaften wie Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikation und Führung.
Die Zukunft erfolgreicher Unternehmen wird deshalb nicht allein davon abhängen, welche Technologien sie einsetzen, sondern auch davon, wie sie ihre Mitarbeitenden bei Veränderungen mitnehmen.
Wo ich die Zukunft der KI in der Schadenregulierung sehe
Aus meiner Sicht stehen wir vor einer Entwicklung, die deutlich über das Formulieren von E-Mails oder das Zusammenfassen von Dokumenten hinausgeht.
Der nächste Schritt liegt in der Verbindung von künstlicher Intelligenz, strukturierten Gebäudedaten und fachlich definierten Arbeitsprozessen.
1. Von einzelnen Dokumenten zu intelligenten Schadenakten
In vielen Schadenfällen liegen Informationen heute verteilt vor: Fotos, Messprotokolle, Angebote, Rechnungen, Schriftverkehr und frühere Berichte.
Künftig könnten KI-gestützte Systeme diese Informationen wesentlich besser zusammenführen, Widersprüche kenntlich machen und fehlende Unterlagen aufzeigen.
Der Sachverständige oder Regulierer würde dadurch nicht von der fachlichen Entscheidung entbunden, könnte aber schneller erkennen, welche Fragen noch offen sind.
2. Von der Schadenaufnahme zur intelligenten Gebäudeakte
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit ist seit Jahren die digitale Gebäudeakte.
Denn Gebäude verfügen über eine Vielzahl von Informationen, die bislang häufig erst dann erhoben werden, wenn bereits ein Schaden entstanden ist.
Dazu gehören bauliche Eigenschaften, frühere Instandsetzungen, Schadenhistorien, Bilddokumentationen und gegebenenfalls Sensordaten.
Werden diese Informationen strukturiert erfasst und fachlich richtig eingeordnet, können daraus neue Möglichkeiten für Schadenbearbeitung, Wartung und Prävention entstehen.
Meine Überzeugung lautet:
Die Zukunft liegt nicht allein darin, Schäden schneller zu regulieren. Sie liegt auch darin, Gebäude besser zu verstehen und vermeidbare Schäden früher zu erkennen.
3. Von der reaktiven Regulierung zur Prävention
Besonders interessant finde ich die Verbindung von KI mit technischen Mess- und Sensorsystemen.
Denkbar sind Anwendungen, bei denen auffällige Veränderungen frühzeitig erkannt und geeignete Prüfungen angestoßen werden.
Gerade bei Leitungswasserschäden könnten solche Ansätze künftig einen erheblichen Nutzen bieten.
Allerdings müssen entsprechende Systeme zunächst zeigen, dass ihre Daten zuverlässig sind, Fehlalarme beherrscht werden und die Ergebnisse tatsächlich zu besseren Entscheidungen führen.
Prävention entsteht nicht durch das bloße Sammeln von Daten, sondern durch deren sinnvolle Interpretation und die daraus abgeleiteten Maßnahmen.
4. Von isolierten Werkzeugen zu abgestimmten Prozessen
Die größte Herausforderung sehe ich nicht darin, immer neue KI-Anwendungen einzuführen.
Entscheidend ist vielmehr, wie diese Anwendungen in bestehende Arbeitsabläufe eingebunden werden.
Ein Schadenfall betrifft häufig mehrere Beteiligte: Versicherer, Regulierer, Sachverständige, Sanierungsunternehmen und Handwerksbetriebe.
Wenn Informationen zwischen diesen Beteiligten strukturiert und nachvollziehbar ausgetauscht werden können, entsteht ein wesentlich größerer Nutzen als durch einzelne, voneinander getrennte KI-Werkzeuge.
Dabei müssen Datenschutz, Zugriffsrechte, Nachvollziehbarkeit und fachliche Prüfmechanismen von Anfang an berücksichtigt werden.
Fachwissen wird durch KI nicht überflüssig – sondern wichtiger
Während der Regionaltagungen und in weiteren Gesprächen, unter anderem mit Herrn Schweizer vom Fraunhofer IRB, wurde für mich erneut deutlich, wie viele Fragen sich inzwischen rund um KI im Bau- und Immobilienwesen stellen.
Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich schnell.
Umso wichtiger wird es, zwischen plausibel klingenden Ergebnissen und tatsächlich belastbaren Erkenntnissen unterscheiden zu können.
Das gilt besonders bei komplexen Schadenursachen, der Auswertung von Bildmaterial und der technischen Bewertung von Bauteilen.
Auch unsere Zusammenarbeit mit dem Kunststoff-Institut Lüdenscheid zeigt, welchen Stellenwert spezialisierte Untersuchungen weiterhin besitzen. In der Ausgabe 5/2026 der Fachzeitschrift „Bausachverständige“ beschäftigen wir uns gemeinsam mit der Frage, ob vermeintliche Hagelschäden an Stegkammerplatten tatsächlich durch Hagel verursacht wurden.
Solche Fragestellungen verdeutlichen, weshalb KI und Fachkompetenz zusammengehören.
Eine Software kann Hinweise liefern und Daten strukturieren. Der fachlich begründete Nachweis einer Schadenursache verlangt jedoch eine geeignete Untersuchungsmethodik und eine nachvollziehbare Bewertung.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Wer künstliche Intelligenz sinnvoll einsetzen möchte, sollte aus meiner Sicht nicht mit der Frage beginnen, welche Anwendung gerade besonders beeindruckend ist.
Die wichtigere Frage lautet:
Welche konkreten Aufgaben verursachen in unserem Unternehmen regelmäßig Aufwand, und an welchen Stellen können digitale Werkzeuge unsere Mitarbeitenden tatsächlich entlasten?
Dazu gehören eine realistische Bestandsaufnahme, geeignete Schulungen und klare Regeln für den Umgang mit vertraulichen Informationen.
Gerade in der Versicherungswirtschaft müssen neue Anwendungen außerdem so gestaltet werden, dass fachliche Entscheidungen überprüfbar und Verantwortlichkeiten eindeutig bleiben.
Nicht jeder Prozess muss automatisiert werden.
Aber jeder wiederkehrende Arbeitsschritt verdient die Frage, ob er künftig einfacher, sicherer oder besser gestaltet werden kann.
Mein Fazit: Die Zukunft der KI ist menschlicher, als viele denken
Nach den Regionaltagungen bei Sprint nehme ich nicht nur zahlreiche fachliche Eindrücke mit.
Ich nehme vor allem die Erfahrung mit, dass Veränderung dort besonders gut gelingt, wo Menschen neugierig bleiben, Fragen stellen, miteinander sprechen und auch gemeinsam lachen können.
Künstliche Intelligenz wird unsere Arbeitswelt weiter verändern.
Sie kann Informationen zugänglicher machen, Prozesse beschleunigen und Fachkräfte von wiederkehrenden Tätigkeiten entlasten.
Doch sie ersetzt weder Erfahrung noch Verantwortungsbewusstsein oder den persönlichen Austausch.
Die Zukunft der Schadenregulierung sehe ich deshalb in einer intelligenten Verbindung aus Daten, Technologie und menschlichem Fachverstand.
Oder etwas einfacher ausgedrückt:
Wir brauchen nicht weniger Menschen mit Fachwissen. Wir brauchen bessere Werkzeuge, damit diese Menschen ihr Fachwissen dort einsetzen können, wo es wirklich gebraucht wird.
Mein Dank gilt DEKRA Claims, Sprint Sanierung und allen Teilnehmern für die offenen Gespräche, die wertvollen Begegnungen und die gemeinsamen Erfahrungen.
Ich freue mich darauf, diesen Weg weiter mitzugestalten.
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